
Veranstalter: Prof. Dr. Dirk Baecker, Dresden, und Prof. Dr. Maren Lehmann, Zeppelin Universität, Friedrichshafen
Im Dezember 2027 wäre Niklas Luhmann 100 Jahre alt geworden. Niklas Luhmann gehört zu den bedeutendsten Soziologen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, dessen größte Leistung darin besteht, eine der Komplexität der modernen Gesellschaft angemessene Theorie vorgelegt zu haben. Im Zuge der Ausarbeitung dieser Theorie hat Luhmann Anregungen aus der Phänomenologie, der Informationstheorie, der Neurophysiologie, der biologischen Theorie, der allgemeinen Systemtheorie und einer Mathematik der Form auf eine Art und Weise aufgegriffen, die maßgebend dafür ist, wie interdisziplinär orientierte Theoriearbeit in der Soziologie aussehen kann. Wir feiern diesen Anlass mit einer Konferenz, die auf Luhmanns soziologisches Werk zurückblickt und zur Zukunft seines Theorieprogramms Stellung nimmt.
Niklas Luhmann hat eine Theorie der funktional differenzierten modernen Gesellschaft entworfen, die enge Berührung hält mit einer Theorie der Interaktion unter Anwesenden, einer Theorie organisierten Entscheidens und einer Theorie der Protestbewegungen. Die Grundlagen seiner Theorie sind eine Theorie sozialer Systeme, eine Theorie der Kommunikation, eine Theorie der Evolution und eine Theorie der Differenzierung. Zu keinem Zeitpunkt gerät aus dem Blick, dass die Soziologie nur eine von vielen Möglichkeiten ist, die Gesellschaft zu beobachten – und dass die Soziologie gegenüber der Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung der Gesellschaft selbst keinerlei Vorrang beanspruchen kann. Die Soziologie ist daher immer auch aufgerufen, ihren besonderen Beobachtungsstandpunkt in der Gesellschaft zu reflektieren.
Der Ausgangspunkt der Soziologie Luhmanns ist ein Sinnbegriff, der mit der Unruhe jeder Sinnform rechnet. Jede Kommunikation ist die Eröffnung zur Möglichkeit einer Abweichung. Jede Differenzierung riskiert, im nächsten Moment auf die Einheit der Differenz und damit auf ihre eigene Unmöglichkeit zu stoßen. Jede Evolution entsteht aus zahllosen flüchtigen Variationen, die keine Chance haben, je positiv oder negativ selegiert zu werden. Jede gesellschaftliche Struktur, jedes gesellschaftliche Ereignis sind vor diesem Hintergrund unwahrscheinlich und dank dieses Ausgangspunkts erklärungsbedürftig. Jede Situation ist die Lösung ihres eigenen Problems und jede Soziologie daher aufgerufen, sowohl das Problem als auch die Lösung zu untersuchen und zu beschreiben.
Luhmanns Soziologie ist eine historische Soziologie. Sie profiliert ihre Theorie der modernen Gesellschaft vor einem tiefen Verständnis vor allem der frühneuzeitlichen, aber auch der antiken (europäischen) Geschichte. Ein Verständnis tribaler Gesellschaften und antiker Reiche wird begrifflich mitgeführt, aber historisch nicht ausgearbeitet. Luhmanns Soziologie ist jedoch auch in der Hinsicht, dass sie mit einem „Altwerden“ der funktionalen Differenzierung, ja mit einem Übergang der modernen Buchdruckgesellschaft in eine „nächste“ Computergesellschaft rechnet, eine historische Soziologie.
Niklas Luhmann hat die Medienbrüche beschrieben, die die menschliche Gesellschaft mit der Einführung der Schrift und des Buchdrucks erfahren hat. Er hat, wenn auch nicht ohne Ironie, die „Kulturformen“ der antiken und der modernen Gesellschaft beschrieben, mit deren Hilfe jeweils der „Verweisungsüberschuss des Sinns“ der Kommunikation in diesen Medien bewältigt wurde: der aristotelische Telos für die antike Gesellschaft und die cartesianische Selbstreferenz für die moderne Gesellschaft. Er hat in diesem Zusammenhang nach der Kulturform einer Gesellschaft gefragt, die den Verweisungsüberschuss einer Kommunikation mit elektronischen Medien bewältigen muss, und auf die Notwendigkeit hingewiesen, auf „beschleunigte Kontrolloperationen“ zu reagieren. Nach einer korrespondierenden „Strukturform“, das heißt nach einem möglichen Nachfolger für die funktionale Differenzierung der modernen Gesellschaft, hat er nicht mehr gefragt. Auch hier können Beiträge zur Tagung ansetzen.
Spätestens mit der Akzentuierung der Schrift, des Buchdrucks und der elektronischen und digitalen Medien wird die Soziologie Luhmann auch zu einer Medientheorie der Gesellschaft, die nicht nur den Verbreitungsmedien der Kommunikation, sondern auch Wahrnehmungsmedien (der strukturellen Kopplung psychischer Systeme) und Erfolgsmedien wie Geld, Macht, Recht, Kunst, Glaube, Liebe ihren Stellenwert einräumt. Diese Medientheorie wird umso wichtiger, als mit den elektronischen und digitalen Medien die „nächste“ Gesellschaft neue Aufgaben der Beobachtung und Beschreibung stellt. Es bewährt sich das „eiserne Gesetz“, das Luhmann nicht ohne Ironie aufgestellt hat: Medien sind stabil, Formen hingegen instabil. Der Erfolg digitaler Medien zwingt uns, die Frage zu stellen, welche dieser Medien heute dominieren und wie sie beschaffen sind.
Wir laden zu einer viertägigen Konferenz vom 9. bis 12. Juni 2026 an die Zeppelin Universität in Friedrichshafen am Bodensee ein. Zur Feier des 100. Geburtstags von Niklas Luhmann soll nach den tragenden Begriffen (Sinn, Selbstreferenz, System, Funktion, Autopoiesis, Zeit, Form), der historischen Diagnose (Altwerden der Moderne) und der Zukunftsperspektive (Beteiligung unsichtbarer Maschinen an der Kommunikation) der Theorie Luhmanns gefragt werden.
Mit Cristina Besio, Thorsten Bonacker, André Brodocz, Achim Brosziewski, Alberto Cevolini, Charlotte Coch, Giancarlo Corsi, Till Dembeck, Jan Tobias Fuhrmann, Florian Grote, Jonathan Harth, Franz Högl, Detlef Horster, Michael Hutter, Sven Kette, André Kieserling, Livia Kleinwächter, Sybille Krämer, Harry Lehmann, Claus-Steffen Mahnkopf, Hans-Georg Möller, Christoph Möllers, Christian Morgner, Florian Muhle, Julian Müller, Claus Pias, Kyrill Postoutenko, Kurt Rachlitz, Ralf Rogowski, Dirk Rustemeyer, Rudolf Schlögl, Wolfgang Ludwig Schneider, Marcel Schütz, Fritz B. Simon, Jasmin Siri, Rudolf Stichweh, Barbara Stollberg-Rilinger, Raf Vanderstraeten, Hannah Vermaßen, Werner Vogd, Victoria von Groddeck, Martin Warnke, Steve Watson, Christina Weiss, Niels Werber, Aloys Winterling, Andreas Ziemann und Diskutanten aus Wissenschaft und Beratung
Programm folgt…